Cornelius Cardew und die Freiheit des Hörens

Ausstellung und Veranstaltungsprogramm

19. September 2009 - 29. November 2009

Eröffnung am Freitag, den 18. September, 19 Uhr

Kuratiert von Dean Inkster, Jean-Jaques Palix, Lore Gablier und Pierre Bal-Blanc
Die Ausstellung wurde in einer Koproduktion mit dem CAC Brétigny realisiert.

Künstlerhaus Stuttgart's website

Das Künstlerhaus Stuttgart präsentiert eine Ausstellung sowie eine Veranstaltungsreihe, die sich der künstlerischen Karriere des britischen Komponisten Cornelius Cardew widmen. Cardew zählt zu den einflussreichsten Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist außerhalb eines spezialisierten Publikums in Deutschland aber nur wenig bekannt. Er verstarb 1981 auf tragische Weise im Alter von 45 Jahren. Das Künstlerhaus zeigt in Zusammenarbeit mit dem CAC Brétigny, wo die Präsentation im Frühjahr 2009 zu sehen war, eine Ausstellung mit selten gezeigten Archivmaterialien, Fotografien, Partituren und Tonaufnahmen sowie eine Reihe von Konzerten und Performances, die zum Teil in Zusammenarbeit mit der Staatsoper Stuttgart realisiert werden. Über eine traditionelle museale Präsentationsweise hinausgehend, beleuchtet das Projekt die Ausstrahlung von Cardews Werk und seinen Einfluss auf die zeitgenössische künstlerische und musikalische Praxis.

Der englische Komponist Cornelius Cardew (1936 - 1981) arbeitete mit Karlheinz Stockhausen und John Cage und inspirierte eine ganze Generation britischer und internationaler Avantgarde-KomponistInnen und -musikerInnen wie Gavin Bryars, Brian Eno, Michael Nyman und Frederic Rzewski. Sein radikaler und eigenwilliger Zugang zum Komponieren und seine politische Reflektion von Musik eröffneten in den späten 1960er Jahren entscheidende Beiträgen zu einem demokratischen Anspruch der Avantgarde-Kultur. Das “Scratch Orchestra”, das 1968 aus der Klasse Cardews an einer Erwachsenenbildungsstätte, dem Morley College in Süd-London hervorging, stellte die soziale Begrenzung von Kunst und Musik durch spezialisiertes Fachwissen und Erfahrung radikal in Frage. Das “Scratch Orchestra” bestand aus ausgebildeten MusikerInnen wie auch Laien und durchkreuzte damit nicht nur den traditionellen Rahmen und die Hierarchien der Musik, durch die Komponisten, Musiker und Zuhörer unterschieden werden, sondern auch die traditionellen Grenzen zwischen den unterschiedlichen Bereichen der Künste, da visuelle und performative Elemente ebenso Teil der kollektiven und kreativen Prozesse waren, mit denen sich die Mitglieder des “Scratch Orchestra” während ihrer vierjährigen Schaffensphase beschäftigten. Seit einigen Jahren lässt sich ein neues Interesse für Cardews Werk als Komponist und als politische Figur ausmachen. Nach einer ersten Anthologie von Cardews Schriften (Cornelius Cardew 1936-1981: A Reader, Copula 2006) und der Ausstellung “Lonely at the Top: Sound Effects #3″ im MukHA in Antwerpen (2008) folgte inzwischen eine umfangeiche Biographie des Pianisten und ehemaligen Mitglieds des “Scratch Orchestra” John Tillbury.

Das Künstlerhaus Stuttgart zeigt Partituren, Dokumentarfotografien, Filme und anderen Dokumente, die Cardews Karriere von der bahnbrechenden grafischen Partitur “Treatise” (1965-67) bis zur Gründung des “Scratch Orchestra” und seiner Auflösung 1975 vorstellen, als Cardew seine Arbeit als Avantgarde-Komponist beendete und sich bis zu seinem Tode 1981 der Politik widmete. In die Ausstellung sind eine Video- sowie eine Fotoarbeit des schottischen Künstlers Luke Fowler über Cardew integriert, zudem stellt ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm eine Reihe von Aufführungen aus Cardews Werk sowie Kompositionen von früheren Mitgliedern des “Scratch Orchestra” vor. Die KünstlerInnen und MusikerInnen sind eingeladen worden, sich den Kompositionen auf unterschiedliche Weise zu nähern und diese zu interpretieren. Ziel des Projektes ist es nicht, wehmütig an die “guten alten Zeiten des Experiments und der Aktion” zurück zu denken, wie eine Rezension der Schriften Cardews kürzlich behauptete. Aus diesem Grund rekonstruiert die Ausstellung nicht nur die Geschichte eines der einflussreichsten Nachkriegskomponisten des 20. Jahrhunderts und einer wichtigen, aber immer noch unbekannten Avantgardegruppe, sondern versucht das Potential der musikalischen Experimente für eine heutige ästhetische Praxis zu erörtern.

Die Ausstellung setzt im Künstlerhaus Stuttgart eine jährliche Reihe von Ausstellungen fort, die sich mit historischen Ansätzen partizipativer Methoden und deren zeitgenössischer Aktualität befasst. Die Reihe beinhaltet bisher eine Ausstellung filmischer Spiele des polnischen Architekten Oskar Hansen (”1,2,3…Avant-Gardes: Open Form”, 2007) sowie das Projekt “Soziale Diagramme: Planning Reconsidered” (2008) zur Geschichte der Planungsmethodik.

“Cornelius Cardew und die Freiheit des Hörens” ist von Dean Inkster und Jean-Jacques Palix in Zusammenarbeit mit Lore Gablier und Pierre Bal-Blanc kuratiert. Die Ausstellung umfasst Leihgaben von Horace Cardew, Keith Rowe, Victor Schonfeld, Stefan Szczelkun und Samon Takahashi sowie Filme von Luke Fowler, Nicolas Tilly und Lore Gablier. Im Rahmen der Ausstellung finden Veranstaltungen statt mit Keith Rowe, Ekkehard Ehlers, Annie Vigier und Franck Apertet u.a. Das Grafikdesign der Ausstellung wird von Vier5 (www.vier5.de) gestaltet.

Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem CAC Brétigny produziert. Das Veranstaltungsprogramm entsteht in Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart und wird vom Institut Francais unterstützt.


Back